Pakistan: Der politische Selbstmord des Imran Khan

Für Millionen junger Pakistaner galt Imran Khan als Hoffnung auf einen wirklichen demokratischen Wandel in ihrem Land. Doch ihrem Idol scheint die Geduld ausgegangen zu sein, die man für den steinigen Weg Demokratie gerade in Pakistan braucht. So trägt Khan (der ehemalige Kricket-Star) die Hoffnungen in ihn, seit ein paar Tagen mit einem undemokratischen Ultimatum an die Sharif Regierung zu Grabe.
„Sharif, Bhutto, Sharif, Bhuttto. Wir haben genug von diesen beiden Familien, die seit Jahrzehnten unser Land ausrauben“, schreit mir ein Anhänger Imran Khans am Bahnhof in Rawalpindi/Islamabad entgegen. Doch es liegen kein Hass und keine Aggression in seiner Stimme. Es ist eine Mischung aus Empörung, Enttäuschung und Trotz, die diesen Ausbruch verursachen und wohl auch meine provokante Frage, warum er denn schon vor der Beendigung der Revolution nach Hause fahre. Vor ein paar Tagen war er mit Imran Khan und tausenden anderen zum Großen Marsch auf Islamabad gezogen, um die Regierung unter Nawaz Sharif zu stürzen. Manipulationen bei den letzten Parlamentswahlen als vorgeschobener Grund. Anstatt der angekündigten Millionen sind es nur ein paar 10.000 Anhänger geworden, die Imran Khan nach Islamabad gefolgt sind. Der junge Mann scheint den Glauben schon verloren zu haben, während sein Idol in der Sackgasse ausharrt.

Vor drei Tagen traf ich im Norden von Pakistan einen gutausgebildeten Lehrer aus Peschawar, der Hauptstadt der  Khyber Pakhtunkhwa Provinz, die Imran Khan bei den letzten Wahlen gewonnen hat. Obwohl der Mittdreißiger wie ein Paradebeispiel des typischen Khan Wählers wirkte, bekam ich das Gegenteil zu hören: „Anstatt in unserer Provinz zu zeigen, dass er regieren kann, greift er die Demokratie in Pakistan an.“ Überrascht fragte ich ihn, ob er Sharif für einen Politiker halte, der Pakistans Demokratie besser auf den Weg bringen könne. Mit einer ärgerlichen Handbewegung tat er meine Frage als lächerlich ab und antwortete: „Mir ist völlig egal, wer regiert. Wichtig ist, dass die Politiker die gewählt wurden, ihre Legislaturperiode erfüllen.“ „Selbst wenn sie Pakistan ausplündern wie die letzte Bhutto-Regierung“, fragte ich zurück und bekam eine emotionsvolle Antwort: „Nochmal. Wir wissen, dass weder die P.P.P noch die gerade regierende PML-N demokratische Parteien sind, sondern eher Königshäuser in denen der Parteivorsitz vererbt wird, aber ich glaube an Demokratie – wenn man ihr Zeit lässt, sich zu entwickeln. Bei euch im Westen hat es doch auch gedauert.“

Ich verstehe, doch wer sich in diesem Land umschaut, kann Imran Khans aktuelles Handeln nachvollziehen. Er weiß, dass er mit demokratischen Mitteln nicht vom Wähler zum Premierminister gewählt werden wird. Realistisch gesehen, kann weit mehr als die Hälfte der pakistanischen Bevölkerung weder halbwegs Lesen noch Schreiben, weshalb für die meisten von ihnen der Landlord entscheidet, wen sie wählen. Der Kreislauf der Ständepolitik nimmt deshalb kein Ende. Wer die Stimmen der Bauern und Tagelöhner haben möchte, muss sie mit Privilegien für die Landlords kaufen. Nach Besserung sieht es in Pakistan in nächster Zeit nicht aus. Unter der P.P.P Regierung und unter der jetzigen von Nawaz Sharif ist der Etat für Bildung wieder und wieder gekürzt worden; auch auf Druck des IWFs für neue Milliarden Kredite. Die anderen Forderungen des IWFs können scheinbar seit Jahren problemlos ignoriert werden. Noch immer bezahlen dank Korruption weniger als eine Millionen Pakistani Einkommenssteuer. Bei einer Einwohnerzahl von 190 Millionen.

Am Abend telefoniere ich mit einem Bekannten aus Karatschi. Im letzten Jahr ist auch er trotz Drohungen der politischen „Gangs“ Karatschis für Imran Khan ins Wahllokal gegangen: „Was ist denn in Khan gefahren, will der, dass die Armee wieder das Ruder übernimmt?“ bekomme ich von meinem irritierten Bekannten zu hören. „Auch ich bekomme Kopfschmerzen wenn ich einen der Sharifs nur sehe, aber das spielt keine Rolle. Die Drohungen Khans an den Premierminister sind undemokratisch“, legt er nach.

Undemokratisch ist gerade das Wort der Stunde in Pakistan. Auch wenn es von Leuten wie der zwielichtigen Eminenz Asif Zardari, der die letzte P.P.P Regierung aus dem Hintergrund führte und anderer altbekannter, „undemokratischer“ Politiker, dieser Tage missbraucht wird. Es sind die Menschen auf den Straßen Pakistans, aus deren Mündern dieses Wort einen echten Klang bekommt. Es ist vorwiegend die Mittelklasse Pakistans die aufgewacht ist und sich ihr zartes Pflänzchen Demokratie nicht wieder kaputt trampeln lassen will. Gestern Abend auf der Mall-Road in Lahore war es eine Gruppe von Frauen, die parteiübergreifend mit Transparenten und Sprechchören für ihre Demokratie auf die Straße gingen. Am gleichen Ort waren es vor einem Monat tausende Anhänger des zweiten Heilsbringer Pakistans, Dr. Tahir Qadri. „Wohlgeordnet“ nach Männer und Frauen sortiert, demonstrierten sie friedlich. Auch wenn Dr. Qadri gerade gemeinsam mit Imran Khan in Islamabad politischen Selbstmord begehen sollte, wenn sie nicht von ihrer Forderung nach einem Rücktritt der Regierung ablassen: Die Demokratie in Pakistan erwacht endlich zu wahrem Leben. Immer mehr Menschen wird klar, dass sich die massenhaften Probleme Pakistans durch nichts und niemanden über Nacht auflösen werden. Wie sagte vor einem halben Jahr ein gutgelaunter Anhänger Imran Khans: „Ja, wahrscheinlich wird Imran Khan scheitern, aber das macht nichts, denn wir sind noch da, die Jugend Pakistans und einer aus unseren Reihen wird sein Rolle übernehmen.“

Die Angst dass die Armee den Zwist der Politiker ausnutzen wird, um die Macht mit einem Putsch zu übernehmen, ist derzeit nur ein Schreckensgespenst. Die Armee hat gerade in Waziristan ihre eigenen Probleme mit den einst nach Afghanistan gesendeten Trojanern und schon der letzte Armee-Diktator Musharraf musste 2007 mit einer blutigen Nase abtreten. Außerdem hat die pakistanische Armee sowieso in jeder politischen Partei ihre Leute sitzen; so wird ihr enormer Etat auch die nächsten Jahre nicht in Gefahr sein.

Egal wie die derzeitige Belagerungs-Episode des Regierungssitzes in Islamabad um Imran Khan und Dr. Qadri ausgeht; Pakistan ist kein Land voller Mullahs, dessen fanatische Anhänger jeden Tag Christen und Ungläubige steinigen, auch wenn es diese Vorfälle immer wieder gibt. Pakistan Sinn für Demokratie ist erneut erwacht und wenn das Land ausnahmsweise mit Entwicklungs-Programmen und Bildung unterstützt werden würde, anstatt mit wahhabitischen Religionshäusern und Waffen aus aller Welt, hätte Pakistans kleines Pflänzchen Demokratie endlich eine Zukunftsperspektive.