Eine unabhängige Fotografin unter verheirateten Frauen in Rajasthan. Wer färbt auf wen ab? Bettlümmeleien und Frauengedanken von Nana Ziesche

Frauengedanken und Bettlümmeleien

Ich bin 50. Ich bin unverheiratet. Ich habe keine Kinder. Ich bin ein Kuriosum.

Sie sind verheiratet. Sie sind im Begriff zu heiraten. Sie heiraten, wenn sich der passende Partner gefunden hat. Das ist eine unumstößliche Regel. Eine Normalität. Wie das Essen, wenn man Hunger hat. Da denkt man nicht drüber nach, man macht es.

Da ist eine, die das nicht macht, eben eine Kuriosität. So ist das in Rajasthan. Gefühlte 98% der Ehen sind arrangiert. Gefühlte 98% der Menschen über 30 sind verheiratet. D.h. ich habe EIN Paar getroffen, das aus Liebe geheiratet hatte – und glücklicherweise die Kasten passten. Ich habe keine Unverheirateten getroffen.

Ich liebe die rajasthanische Frauengesellschaft. Sie ist getrennt von der Männergesellschaft. Ich dachte damals, es sei eine freudlose Gesellschaft. Ich irrte mich. Das merkte ich, als ich die Frauengesellschaft kennenlernte. Sie lachen viel miteinander. Sie schmücken sich füreinander. Sie berühren einander. Sie leben miteinander. Es ist oft heiter in ihrer Runde. Da wird kein Mann vermisst. Da wird nicht ständig über Männer geredet. Da ist der Mann oft kein Thema. Das kenne ich in dem Ausmaß nicht in meiner Heimat. Ich fühle mich wohl mit den rajasthanischen Frauen. Ich fange an, bunte Stoffe zu tragen. Mich zu schmücken. Ich, die kein Nagellack ihr eigen nennt und sich in Jeans und Kapuzenpulli am wohlsten fühlt. Miteinander sind wir ein bisschen gleich. Bis das Gerede auf die Ehe kommt. Meine nicht-vorhandene Ehe. Die nicht-vorhandenen Kinder. Dann stockt das Gespräch und wir werden stumm. Stumm ob der gewaltigen Kluft zwischen uns. Dem tiefen Graben. Der breiten Schlucht.

Manchmal tut sich eine Frau hervor und ruft „Du bist stressfrei!“ Der Blick aller lässt eine Sehnsucht aufblitzen.Wie wäre das wohl? Keine Familie. Freiheit? Einsamkeit? Die Gedanken wägen kurz ab. Und begeben sich gleich wieder in sichere Bahnen. Das ist zu weit entfernt. Es ist gut so wie es ist. Und diese Fremde ist ein Kuriosum.

Von Nana Ziesche: http://kroeger-blog.blogspot.de/

Nawaz Sharif unter Druck

„Im Sommer keinen Strom und im Winter kein Gas.“ Dieser etwas überspitzte Satz ist in Pakistan zwar immer noch in aller Munde, doch zeigt der Druck von Imran Khan mittlerweile Wirkung. Ministerpräsident Sharif hat allein in den letzten zwei Monaten mit seinem Veto die üblichen Gaspreiserhöhungen blockiert. Dass er dabei auch die angekündigte Großdemonstration von Imran Khan am 30. November in Islamabad im Hinterkopf hatte, ist mehr als wahrscheinlich. Obwohl Imran Khan, der Franz Beckenbauer Pakistans, in den letzten Monaten nichts anderes als polarisiert hat und seine „Alles oder Nichts“ Besetzung des Regierungsviertels in Islamabad zu einem nervigen Randereignis verpufft ist, wird er bei den einfachen Menschen Pakistans immer populärer. Viele Intellektuelle, die noch im letzten Jahr große Hoffnungen auf einen demokratischen Wandel in Pakistan auf Khan gesetzt hatten, haben sich dagegen von ihm abgewendet. Khans Führungsstil seiner Partei P.T.I erinnert sie immer mehr an die politischen „Diktatoren“ Nawaz Sharif und Zardari: Innerparteiliche Diskussionen sind nicht erwünscht und wer dem Parteiführer nicht widerspruchslos folgt, fliegt aus der Partei.

Warum Imran Khan trotzdem bei der Masse der Menschen Pakistans immer beliebter wird und sein Satz „Nawaz go“ zu einem Dauerbrenner in Pakistan geworden ist, werde ich in einem Artikel aus Peschawar Ende Dezember genauer beleuchten.

Mit einem Dichter auf dem Passu Gletscher

Gletschergedicht

Von Andreas Wiebel

  1. November 2014; Passu Glacier

Der Gletscher

Ist

Ein eisiges, lebendiges Ereignis

Und konservenblaue Formen zeugen, dass letzten Endes alles Wasser ist.

Im Sommer dröhnend, im Winter glucksend, manchmal –

Meistens Stille.

Voll Spalten tief und kräftig, vor allem tief – jagt er mir

Eiskalte Schauer auch über`n Rücken,

wenn der Tritt schwächer als gewohnt ausfällt.

Also droht Rutschgefahr ständig, sogar tödlich, wenn

Sonnenschein den Schatten weicht

Und weiche Wege sich in spiegelglatte Bahnen wandeln

Und Menschenbeine werden schwach.

Der Weg nach draußen auf die sichere Seite

Zeigt schwerlich nur geübten Augen sich,

Den anderen hält das Labyrinth aus Kälte

Dafür den stillen, harten, weißen Tod bereit.

Der Gletscher schleicht, schraubt sich und schwindet

Kontinuierlich hinab ins Tal, wo er bricht ab heute,

weil die Zustände nicht mehr wie gestern sind.